Seit längerem hat man keinen Artikel mehr von mir gelesen und das hatte seine Gründe. Wenn man wie ich versucht die Ummah / Gemeinschaft der Muslime aktiv zu gestalten, trifft man – wie bei vielem anderem auch – auf Widerstände. Und wenn man irgendwann oft genug versucht hat gegen Wände zu rennen und immer wieder an diesen abprallt, dann kann man sich auch schon mal die ein oder andere Schürfwunde zuziehen. Dies ist eine Situation der ich sicher schon häufiger begegnet bin, doch hat das Ergebnis nie so weh getan wie im Fall der Muslime. Ich bekam ein Muslime-Burnout.
„Unter dem Burnout Syndrom versteht man einen Zustand emotionaler Erschöpfung. Mit ihm reduziert sich die eigene Leistungsfähigkeit. Der Mensch fühlt sich ausgebrannt, schwach, lustlos und ist nicht mehr fähig, sich in irgendeiner Weise zu erholen.“ liest sich die Definition von Burnout. Und genau das ist es, was ich im Bezug auf einen Großteil der mir bekannten Muslime verspürte. Jeder, der mich persönlich kennt, wird zustimmen, wenn ich erzähle, dass mein erstes Jahr als Muslimin eine wunderbare Entdeckungsreise für mich war. So viel neues Wissen, so viele neue Menschen in meinem Leben, so viele Veränderungen an denen ich gewachsen bin. Ich schwebte auf einem rosa Islam-Wölkchen. Ich habe viele Schwestern kennen gelernt und war geradezu verzückt davon, wie freundlich mich alle aufnahmen und wie gut ich mit ihnen über unsere Religion reden konnte. Ich war ja quasi nur mit Menschen zusammen, die nahezu das Gleiche dachten wie ich! Doch mit der Zeit lernte ich, dass auch Muslime nur Menschen sind und stellte dann einige Verhaltensweisen fest, die mich ärgern.
Eine Sache, die mich besonders stört, ist, dass einige Muslime mit zweierlei Maß messen: Muslime und der Rest der Welt. Sicher, auch ich nahm den Islam als meine Wahrheit an. Doch darf man bitte nicht vergessen, dass es neben uns Muslimen noch Milliarden anderer Menschen gibt, die den Islam nicht als ihre Wahrheit ansehen – was ich persönlich schade finde, aber sicher niemanden dafür verurteilen möchte. Was ich allerdings verurteile, sind jene, die in dieses Land kommen, weil das Leben hier angenehmer ist als im eigenen Land, und dann ihre Rechte einfordern, ohne diese auch für Andersgläubige gelten lassen zu wollen. Aber hier gibt es nun mal Menschen, die sich zum Christentum bekennen und noch sehr viele mehr, die gar nicht an Gott zu glauben. Aber: wenn du nicht damit zurecht kommst, dass Deutschland kein islamisch geprägtes Land ist, dann solltest du dir überlegen in ein Land zu gehen, in dem du dich wohler fühlen würdest. Das ist kein Rassismus und keine Islamfeindlichkeit – es ist eine Tatsache, nein sogar eine Pflicht für uns Muslime!
Was mich auch stört ist die Doppelzüngigkeit, mir der plötzlich viele Muslime zu Pseudo-Gelehrten mutieren sobald du etwas tust, was ihren Ansichten nicht entspricht, wie z.B. ohne Kopftuch arbeiten zu gehen. „Möge Allah dich rechtleiten.“ Umgedreht wird aber gelogen und gelästert, wo es nur geht. Ist das islamisch? Wenn eine Frau aus diversen Gründen kein Kopftuch tragen kann, dann kennt Allah was in ihrem Herzen ist. Vielleicht betet sie jeden Tag dafür, dass Allah ihr eine Möglichkeit gibt das Kopftuch zu tragen? Und Allah kennt ihre Niyya / Abschicht. Aber wie willst du dich rechtfertigen, wenn du hinter jemandes Rücken schlecht sprichst? Was ist bei diesen Worten in deinem Herzen? Bete lieber für deine Schwester, statt sie zu verurteilen. Und ich sage es immer wieder: Ein Bart und ein Kopftuch machen noch keinen Gläubigen, was zählt sind die Taten und die Absicht im Herzen. Möge Allah subhana wa ta’ala uns alle auf den richtigen Weg und zum richtigen Umgang miteinander führen.
Ein großes Thema ist auch, dass Muslime ständig beleidigt sind. Kennt noch jemand den Spruch: „Das sagst du doch nur, weil ich schwarz bin!“? Tja, der gehört jetzt uns. Ich bin es Leid aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen. Letztens habe ich einen Facebookpost gesehen, bei dem ein „Switch reloaded“ -Ausschnitt als Hetzerei betitelt wurde. Oh, bitte! Habt ihr nicht bemerkt, dass das eine Satire sein soll? Dass der kleine Mann, der im Kinderfernsehen von der Terroristenfamilie erzählt nur „Spaß“ macht, um den Leuten den Spiegel vorzuhalten? Es hat 17 Kommentare gebraucht der postenden Person zu erklären, dass dies keine wirklich ausgestrahlte Kindersendung ist. Man könnte über diese Situation lachen – wenn sie nicht so traurig wäre. Ich möchte dadurch natürlich nicht kleinreden, welche Anti-Islam-Welle gerade durch unserer Fernseher in die Wohnzimmer dieses Landes gespült wird. Doch bitte ich vor allem die muslimischen Leser darum Ruhe zu bewahren. Nicht jede Kritik ist ein Angriff. Nicht jeder, der gegen den Islam spricht, hat sich überhaupt je damit befasst. Wir müssen einfach dafür sorgen, dass das Wissen über den Islam zunimmt, um Wege zur Kommunikation zu finden. Eine Abschottung von Andersdenkenden bringt uns in keinem Fall weiter.
Mein Muslime-Burnout, das mir die Kraft zur Zusammenarbeit mit muslimischen Geschwistern genommen und mich eine Weile zynisch hat werden lassen, habe ich heute weitgehend überwunden. Trotzdem bin ich nicht über die Nominalmuslime hinweg, die viel reden und wenig machen. Es gehört mehr zum Glauben als sich nur einen Namen zu geben. Trotzdem gibt es viele viele Geschwister, die sich hervorragend engagieren, gebildet sind und die Hand reichen möchten. Auf diese bin ich sehr stolz und bin gerne mit ihnen zusammen. Auch möchte ich darauf hinweisen, dass ich mit Absicht nicht „Islam-Burnout“ geschrieben habe. Der Islam ist vollkommen – er ist mein Weg und meine Quelle der Kraft.
Und an alle, die meine Worte als zu hart empfinden, richte ich ein Zitat von Bassam Tibi:
„Liebe schließt Kritik nicht aus.“